Was dir niemand sagt, bevor du deine erste Breathwork Session buchst!
Einige Klienten, die zu mir kommen, hatten ihre erste Breathwork Erfahrung in einer vollen Halle. Hundert Menschen auf Matten, laute Musik, vorne jemand mit Mikro der ansagt, wann eingeatmet wird. Und dann liegen sie da, irgendwas bricht auf, und keiner ist da, der es sieht.
Manche erzählen mir davon wie von einem Erweckungserlebnis. Und bei manchen sehe ich beim Erzählen, dass da noch was hängt. Wochen später. Manchmal Monate.
Breathwork ist gerade überall. Seit James Nestors Buch, seit Wim Hof, seit jede zweite Yogalehrerin eine Session dranhängt. Der Atem ist zur neuen Wissenschaft einer alten Sache geworden, und das ist erstmal schön. Der Atem kann Menschen wirklich tief berühren. Er bringt dich an Gefühle ran, die du jahrelang weggedrückt hast. Er holt dich zurück in einen Körper, den du vielleicht schon lange nicht mehr richtig bewohnst.
Und genau deshalb ist er kein Wellness-Ding, das man mal eben ausprobiert wie ein neues Workout.
Du arbeitest nicht mit einer Technik
Wenn du dich hinlegst und verbunden atmest, passiert in deinem Körper etwas, das mit Entspannung wenig zu tun hat.
Du gehst an dein Nervensystem ran. An Schutzreaktionen, die dein Körper sich über Jahre gebaut hat, weil sie damals gebraucht wurden. Da liegen Erinnerungen, die nicht im Kopf sitzen sondern im Gewebe und Dinge für die du nie Worte hattest. Manchmal auch Dissoziation, also dieses Wegkippen aus dem Körper, das viele von uns so gut können, dass sie es gar nicht mehr merken.
Das ist der Grund, warum Breathwork so kraftvoll ist. Und derselbe Grund, warum es dich überrollen kann, wenn niemand da ist, der weiß was er tut.
Ich hab selbst mehr als 100 Sessions hinter mir und ich weiß genau deswegen, wie viel es bewegt und wie tief Breathwork wirklich wirken kann.
Das Feld wächst schneller als die Ausbildungen
Es kommen gerade sehr viele Leute dazu. Coaches, die Breathwork in ihre Arbeit holen. Therapeutinnen, die merken, dass reines Reden bei manchen Themen nicht weit genug geht. Menschen, die auf einem Retreat etwas erlebt haben und danach dachten: das will ich weitergeben.
Das ist alles nachvollziehbar. Ich verstehe jeden einzelnen Impuls davon.
Nur ist der Markt gerade schneller als die Qualität. Es gibt Zertifikate nach einem verlängerten Wochenende. Es gibt Online-Trainings, in denen niemand jemals eine Hand auf einen Brustkorb gelegt hat oder wirklich beobachtet hat wie der Atem fließt. Und wer diese Papiere hat, darf sich Practitioner nennen, weil der Begriff nicht geschützt ist. Für dich als Suchende heißt das: du kannst nicht davon ausgehen, dass jemand ausgebildet ist, nur weil er es anbietet.
Warum mehr Leute nicht mehr Erfahrung heißt
Es ist verlockend. Eine große Shala auf einem Festival, gute Musik, hunderte Menschen die gleichzeitig atmen. Diese Energie im Raum kann wirklich etwas Besonderes sein, das will ich gar nicht kleinreden.
Nur: Sicherheit braucht Präsenz. Und Präsenz lässt sich nicht multiplizieren.
Ein Facilitator kann unmöglich 25 Nervensysteme gleichzeitig lesen. In der Arbeit mit Facilitated Breath Repatterning liegt der Goldstandard bei einer Begleitperson auf vier Atmende. Rechne das mal gegen eine Festivalhalle.
Was in solchen Räumen passieren kann, hat einen Namen: Redline-Erfahrungen. Momente, in denen dein System an die Grenze der Überforderung kippt. Die Schutzmechanismen brechen zu schnell auf, du gehst zu tief zu schnell, und danach sitzt du mit etwas da, das du alleine kaum verdaut bekommst.
Dazu kommt dieser Satz, den ich in der Szene ständig höre: du musst es fühlen, um es zu heilen. Das stimmt so einfach nicht immer. Ohne einen Raum der dich wirklich hält, kann ein intensiver emotionaler Ausbruch eher retraumatisierend wirken als heilsam. Weinen allein ist noch keine Heilung. Manchmal ist es nur ein Überlaufen.
Online atmen ist nicht dasselbe und kann sogar gefährlich werden
Seit alles über Zoom läuft, gibt es Breathwork auch online. Klingt praktisch. Ist es für manche Zwecke auch (für Atemtraining mit Mind-based Praktiken).
Erfahrene FBR Practitioner arbeiten trotzdem ausschließlich in Präsenz, und dafür gibt es handfeste Gründe.
Wenn du in so einer Redline-Erfahrung landest, kann dich niemand durch den Bildschirm halten. Keine Hand auf dem Brustkorb, kein Druck der dein System zurückholt, keine Co-Regulation. Es wird etwas angestoßen und bleibt dann offen. Es gibt einige Menschen, die danach monatelang damit zu tun hatten.
Und Körperarbeit ist bei FBR sowieso kein nettes Extra, sie ist der Kern der Praktik. Ein guter Practitioner arbeitet während der Session mit gezielten Berührungen an deinem Körper. Er öffnet und er lenkt deinen Atem im Einklang mit deinem Nervensystem. Denn dein Körper liebt seine Gewohnheiten. Er lässt alte Schutzmuster meistens erst los, wenn er körperlich erfährt, dass er sich gerade öffnen darf und dabei sicher fühlt. Das läuft komplett ohne Worte. Über einen Bildschirm kannst du niemandem physisch halten, wenn gerade eine Welle tiefer Trauer hochkommt.
Dazu kommt das reine Hinschauen. Ein Facilitator liest dein Nervensystem permanent. Deine Hautfarbe, deine Mikrobewegungen, wie sich dein Brustkorb hebt, ob dein Kiefer arbeitet, was sich in die bewegt. Eine Webcam gibt das schlichtweg nicht her.
Was diese Arbeit wirklich verlangt, sieht man von außen fast nicht.
Eine gute Ausbildung findet länger als ein Wochenende statt und hat einen Präsenz Anteil dabei. Und der größte Teil von dem was gelehrt wird hat mit Atemtechnik nichts zu tun. Es geht um das Nervensystem. Um Atemmechanik. Um das, was im Körper passiert, wenn jemand zwanzig Minuten verbunden atmet, und was das mit dem Nervensystem, dem Körper, deinem Kreislauf, Kiefer und Händen macht. Wer das nicht gelernt hat, arbeitet mit einer Methode, deren Wirkung er selbst nicht überblickt.
Dazu gehört, angebunden zu bleiben. Supervision, kollegialer Austausch, immer wieder selbst ins Lernen gehen. Wer allein vor sich hinarbeitet und niemanden hat, der mit draufschaut, sieht seine eigenen blinden Flecken nicht.
Und dann ist da das, was keine Ausbildung ersetzen kann: selbst geatmet haben. Richtig. Nicht ein paar Demo-Sessions.
Wer jemanden durch Wut begleitet, muss der eigenen Wut begegnet sein. Wer Trauer halten will, muss wissen wie sich das anfühlt, wenn der Brustkorb aufgeht und man nicht mehr aufhören kann zu weinen. Sonst passiert das, was ich für das größte Risiko in diesem ganzen Feld halte: die Begleitung kriegt es mit ihrem eigenen unverarbeiteten Kram zu tun, während jemand vor ihr liegt. Und greift dann ein, obwohl da gerade gar nichts gebraucht wurde. Sie hält es nur selbst nicht aus.
Der unsichtbarste Teil ist das Sehen. Ein Profi sieht mehr als jemanden, der ein- und ausatmet. Er sieht ob das Zwerchfell fest ist. Ob das Becken beim Einatmen mitgeht oder wie festgeschraubt daliegt. Welche Muskeln dauernd überarbeiten, weil andere seit Jahren nichts mehr tun. Er erkennt Muster, die sich vor langer Zeit eingeschlichen haben und längst von allein laufen.
Was trotzdem am meisten zählt, ist etwas anderes. Sicherheit geht vor Intensität.
Es gibt Facilitator, die auf die große Welle aus sind. Je lauter, je mehr Tränen, je krasser der Trip, desto erfolgreicher die Session. Das ist super fürs Testimonial auf Instagram und manchmal richtig schlecht für den Menschen auf der Matte. Wer gut arbeitet, achtet auf das Toleranzfenster. Auf den Bereich, in dem das Nervensystem noch mitkommt und etwas aufgehen darf, ohne dass jemand wegkippt. Manchmal heißt das bremsen, obwohl es sich gerade richtig anfühlt weiterzurennen.
Deswegen gibt es vorher ein Gespräch. Über Vorerkrankungen, darüber was im Leben gerade los ist und warum jemand überhaupt kommt. In dem Gespräch entscheidet sich, ob und wie tief überhaupt gearbeitet wird.
Und dann diese Haltung, die sich schwer beschreiben lässt und die man sofort spürt. Die besten Facilitator, die ich kenne, kommen mit Neugier in den Raum statt mit einem fertigen Konzept. Sie haben viel gesehen und behandeln jeden trotzdem wie ein Rätsel, das sie noch nicht kennen. Sie stülpen nichts über. Keine Deutung der Kindheit nach zwanzig Minuten. Keine Ansage, was der Körper angeblich sagen will. Sie schauen, sie fragen, sie lassen sich überraschen.
Am Ende entscheidet oft etwas, das schon im Raum liegt bevor die Session überhaupt anfängt. Ob Tränen dort willkommen sind. Ob jemand laut werden darf, ohne dass die Stimmung kippt.
Wer Durchbrüche verspricht, verspricht etwas, das gar nicht in seiner Hand liegt.
Am Ende geht es um 25.000 Atemzüge
Du atmest ungefähr 25.000 Mal am Tag. Jedes Mal wenn du flach atmest, presst oder unbewusst die Luft anhältst, gräbt sich ein Stressmuster ein bisschen tiefer ein. Das passiert während du Mails schreibst, während du im Stau stehst, während du nachts wach liegst und nicht weißt warum.
Deswegen ist das hier keine Wochenendsache. Da geht es an ziemlich Grundlegendes.
Wenn du dich für Breathwork entscheidest, such dir jemanden der dich wirklich sieht. Der Zeit hat. Der dich fragt wie es dir geht, bevor du dich hinlegst, und der noch da ist wenn du wieder hochkommst.